ACTUAL INSTALLATION

»Über die Umschwünge der himmlischen Kreise«Installation 29. October - 08. October 2017, Tonhalle Duesseldorf

Utopien stehen für Wünsche und Träume, für tief greifende Veränderungen und für einen freien und unbegrenzten Geist. Sie versprechen das Betreten neuer Dimensionen, das Erreichen einer absoluten Gerechtigkeit und eines unendlichen Glücks. Am Anfang des 20. Jahrhunderts versuchte Russland mit der Oktoberrevolution ihre utopischen Vorstellungen in die Realität umzusetzen. Die Künste – Literatur, Theater, bildende Kunst und Musik – spielten bei diesem gewaltigen Experiment eine wichtige Rolle und leiteten damit die einflussreiche Avantgarde ein.
Der aus der Ukraine stammende und seit 2001 in Düsseldorf lebende Künstler Aljoscha – ein »Visionär« und »Utopist« – beschäftigt sich mit der Definition zukünftiger Ästhetik. Das Herzstück seiner Kunst bilden die Theorien des Bioethischen Abolitionismus: Der Zweck zukünftiger menschlicher Existenz wird nicht mehr der Überlebenskampf, sondern das von dem uns innewohnenden Leid befreite, glückliche Leben sein und die daraus abgeleitete freie schöpferische Tätigkeit der Menschen wird zum Selbstzweck. Um seine Kunst im vielfältigen Universum zeitgenössischer Kunstproduktionen zu verorten, wählt Aljoscha den Begriff »Bioism«. Hiermit verweist er auf das organische Entstehen seiner Objekte und verankert seine ästhetische Vision in der zukünftigen Evolutionsentwicklung. Er betrachtet seine Objekte und Installationen als Lebewesen. Sie sind die Boten aus der fernen Zukunft und verkünden, dass die Menschheit vom unaufhörlichen Leid befreit und das unbeschränkte Glück für alle erreichbar sein wird. Aljoscha’s Kunst ist ein ästhetisches Manifest der allumfassenden Glückseligkeit, frei von jeglicher Notwendigkeit und jedem praktischen Zweck.
Für seine, speziell für die Konzertreihe »Sound der Utopie« der Düsseldorfer Tonhalle entwickelte Arbeit wählt Aljoscha den Titel: »De revolutionibus orbium coelestium. Über die Umschwünge der himmlischen Kreise«. Damit bezieht er sich auf das im Jahr 1543 veröffentlichte Traktat von Nikolaus Kopernikus. In seinem Schlüsselwerk beschrieb Kopernikus ein mathematisch-naturphilosophisches Modell, gemäß dem sich die Planeten einschließlich der Erde um die Sonne bewegen und die Erde sich um ihre eigene Achse dreht. Damit überbrachte er damals eine kühne Botschaft und bereitete den Weg für die wissenschaftliche Erfassung des Universums in der Zukunft.
Aljoscha platziert sein Objekt unter die Kuppel der heutigen Tonhalle, wo die Besucher ehemals in einem Planetarium den projizierten Sternhimmel beobachten konnten. Was macht seine Kunst aus, um nicht als eine bloße Dekoration wahrgenommen zu werden? In seinem künstlerischen Akt knüpft er an die Vergangenheit an und lässt die Zukunft sich in der Gegenwart manifestieren. Seine floral anmutende, transluzente Installation gleicht in ihrer Leichtigkeit und in ihrer Struktur einem musikalischen Werk. In seiner künstlerischen Arbeit versteht sich Aljoscha nicht als Interpret, sondern als ein Komponist, der neue, noch nicht existente Harmonien kreiert. In ihrer bizarren Form scheint seine Arbeit dem nächsten Evolutionsschritt entsprungen zu sein, sie birgt die Energie der Veränderung in sich. Fasziniert von den Utopien des vergangenen Jahrhunderts, überzeugt von den Kapazitäten des menschlichen Geistes und der Wissenschaft, schaut der Künstler in die zukünftige Entwicklung der Menschheit und entwirft neue Formen des Daseins. Die Entstehung seiner Objekte ist ein komplexer Prozess, der einem wissenschaftlichen Vorgang im Bereich der synthetischen Biologie nahe kommt. Aljoscha baut ein »organisches« System, welches in der Natur nicht vorkommt und verleiht diesem neue Eigenschaften – die eines Verkünders. Die fremdartige Schönheit des Kunstwerkes in Kombination mit der erklingenden Musik in der filigranen Architektur der Kuppel der Tonhalle offenbart die Prophezeiung des universellen Glück.
Hört es sich wie eine Utopie an? In 100 Jahren werden wir es überprüfen können.
(Text zur Ausstellung Natalia Gershevskaya)

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